Überlegungen zur Beziehung von Bewusstsein und Tod

A propos d'un changement de paradigme

1. – Zum einen stellt der eigene Tod ein Wissen dar, von dem das Bewusstsein eigentlich nichts wissen will, weil es meint, den Gedanken einer „restlosen Auflösung“ seiner selbst nicht ertragen zu können. Zum anderen wird jedes einzelne sterbliche Wesen mit einer es überlebenden „Gemeinschaft“ – Familie, Generation, Geschlecht etc. – konfrontiert. Hier liegt eine potenzielle Konfliktsituation vor, die sich in der Überlieferung etwa als Opfer und Heldentum manifestiert: Das eigene Leben wird für die Familie oder den Stamm, das Volk oder die Nation aufgegeben („aufgeopfert“). In diesem Widerstreit zwischen „Selbstlosigkeit“ und „Egoismus“, der in der modernen Gesellschaft mitunter psychotische Züge annimmt, können Opfertod und Selbstmord als persönliche Extreme angesehen werden, die mit den unzähligen Massakern und Morden der Menschheitsgeschichte zu vergleichen wären. Man ist versucht, in diesem Zusammenhang einen „Todestrieb“ oder „Todessog“ (1) anzunehmen.

2. – Der beruhigende Gedanke, dass der Tod eine „Erlösung“ sei, beschwört das alte Bild des „Tränentals“ herauf, in dem menschliches Leben als Leid (Pathos) und Erleiden (Passivität) dargestellt wird. Gleichzeitig verklärt sich darin die scheinbar unerträgliche Vorstellung einer „restlosen Auflösung“ des eigenen Selbst im Glauben an ein Leben nach dem Tod, etwa durch die Annahme einer „unsterblichen Seele“, die jedoch als vom Körper getrennt vorgestellt werden muss, da dieser einer nicht zu leugnenden organischen Verwesung (« corruption organique ») unterliegt. Nun sind beide Termini – Leib und Seele bzw. Körper und Geist – insofern künstliche“ Begriffe, als sie eine in der Natur eigentlich nicht gegebene Trennung voraussetzen (2). Bezeichnend für diesen Zustand ist, dass es kein eigenes Wort für die naturgegebene Einheit von „Körper“ und „Bewusstsein“ im lebendigen Organismus gibt (3).

3. – Man ist geneigt, Bewusstsein auf zwei verschiedenen Ebenen – individuell („ontogenetisch“) und artspezifisch („phylogenetisch“) – zu betrachten, denen jeweils eine von Freud als „Triebleben“ definierte Dimension des „Unbewussten“ (4) entspricht, die im einzelnen Lebewesen als Selbsterhaltungs-, in der Gattung als Arterhaltungstrieb nachweisbar ist und somit „Körperlichkeit“ bzw. „Verkörperung“ (« incarnation ») des Bewusstseins voraussetzt. Dazu ist zu bemerken, dass auch „Arten“ vom „Aussterben“ bedroht sind und der vor allem bei Säugern und Vögeln – so genannten Homoiothermen oder „Warmblütern“ – beobachtbare „Brutpflegeinstinkt“ dieser Bedrohung entgegenwirkt. Wie es auch bei uns Menschen von Natur aus der Fall ist, wird dabei das eigene Leben zugunsten der „Sorge“ um den „Nachwuchs“ zurückgestellt.

4. – Der beobachtbare Konflikt zwischen Selbst- und Arterhaltungstrieb müsste sich auch im menschlichen Selbstverständnis niederschlagen, wenn man das Bewusstsein um eine traditionell „Gewissen“ (5) genannte Instanz erweitert: Ersteres dürfte dann auf Selbsterhaltung und letzteres auf Arterhaltung zielen. – Der moderne Begriff des Bewusstseins ist auf verschiedene Weise definiert worden: als Vermögen der inneren und äußeren Wahrnehmung; der Unterscheidung, Synthese und Erkenntnis; der Erinnerung, Voraussicht und Strategie; andere einfache oder komplexeDefinitionen sind vorgeschlagen worden (6). Der überlieferte Begriff des Gewissens hingegen verweist bei uns Menschen auf eine moralische Instanz, die mit Kants „kategorischem Imperativ“ seinen Höhepunkt im klassischen Idealismus erreicht: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ (7) Man sieht hier, dass unsere Handlungen mit einer „Allgemeinheit“ – oder „Existenz des Anderen“ – konfrontiert werden: Es ist dies nicht nur der Fall in metaphysischen Denkmodellen, sondern auch im banalsten „Alltagsleben“ und sogar schon bei organisierten Tiergruppen. Daher kann hier von einem „Naturgesetz“ gesprochen werden, und so bezeichnet es auch Kant in einer späteren Fassung seines Imperativs“. Nur – um bei der Kantschen Terminologie zu bleiben – ist ein Naturgesetz im Prinzip a priori und kann nicht erst durch – menschliche, „moralische“ – Handlungen erzeugt, sondern höchstens „gedacht“ werden.

5. – In unserem Zusammenhang geht es also um ein „Wissen“, das nicht in „Unwissenheit“ zurückverwandelt, aber „verdrängt“ werden kann: Dieser von Freud geprägte Begriff der Verdrängung (8) führt in den – paradox anmutenden – Bereich des „aufgehobenen Wissens“ (9) um den eigenen Tod und die Vergänglichkeit allen Daseins, der das menschliche Bewusstsein eine permanenten Struktur der Apperzeption entgegensetzt (10). – Es fragt sich nun, ob und wie das Wissen um den Tod und die Vergänglichkeit allen Lebens zur Bildung und Struktur des menschlichen Bewusstseins beigetragen hat: Die Annahmen einer „unsterblichen Seele“ oder eines „transzendentalen Ichs“ sind ideengeschichtliche Indikatoren, die auf eine ursprüngliche Verdrängung dieses unverständlichen oder unerträglichen Endes aller Dinge hindeuten, die aller Wahrscheinlichkeit nach im Laufe der phylogenetischen Evolution des Menschen – als eine artspezifische „Urerfahrung“ – gemacht worden ist und ontogenetisch im Kindes- oder Jugendalter wiederholt wird. Dieser bedeutsame Schritt könnte in besonderem Maße die monotheistisch geprägten Gesellschaften auszeichnen, wenn auch der Unsterblichkeitsgedanke schon in den Alten Reichen – wie im Ägypten der Pharaonen und Mesopotamien des Gilgamesh-Epos (11) – nachweisbar ist. Vielleicht können schon die Höhlenmalereien (12) als frühe Versuche interpretiert werden, das Vergängliche festzuhalten. Das Bestreben kulturelle Spuren zu hinterlassen wäre somit allgemein als Überwindung(Sublimation“) des Todes zu verstehen.

6. – Es fällt auf, dass in vielen Modellen der – in unserem Zusammenhang nicht als vom „Körper“ getrennt denkbaren – Struktur und Dynamik des menschlichen „Geistes“ den Phänomenen des Schlafes und der Träume kaum Rechnung getragen wird, obwohl diese – so nehmen wir an – wesentlich zur Eigenart unserer Auffassung der Welt beitragen. Die introspektive oder phänomenologische Beobachtung der Träume zeigt, dass hier (a) ein wahrnehmend-reflektierendes Bewusstsein am Werk ist, sich (b) aber auch eine – weiter oben „Gewissen“ genannte – Instanz offenbart, die der Träumende durch das Erscheinen und die Intervention anderer – bekannter oder fremder – Traumfiguren teilweise als Widerstand erlebt. Dabei wäre das Traumgeschehen als eine „Suche“ zu beschreiben, die als solche auf „Hindernisse“ stoßen kann. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Träumer im Traumschlaf (13) gleichzeitig wahrnimmt und reflektiert, agiert und reagiert, den Traum dabei aber auch – größtenteils unbewusst – erzeugt und gestaltet (14).

7. – Das Bewusstsein oder die Darstellung des eigenen Todes kommen im Traum selten vor und führen in den meisten Fällen zum Erwachen des Schläfers (als letzte Konsequenz eines „Albdrucks“ oder Angstzustandes). Wenn nun, wie wir annehmen, der Traum oder die „Einbildungskraft“ (15) wesentlich zur Struktur und Dynamik des Bewusstseins gehören, eröffnet sich hier eine „virtuelle Dimension“, in der keine Handlung reale sondern nur imaginäre („fantastische“) Konsequenzen zeitigt. Das könnte erklären, warum im Traum weder der eigene noch der Tod anderer eine Rolle spielen: Verstorbene kehren als Lebende wieder, der Träumer selbst scheint unverwundbar, wenn er etwa in einen Abgrund stürzend zu fliegen anfängt. – Dieser eigentümliche Umstand und das Erwachen angesichts des „Traumtodes“ oder einer starken Bedrängnis müssen uns zu denken geben: Es scheint, als trüge das allnächtlich wiederkehrende Traumerlebnis zur Konsolidierung einer Auffassung bei, die im Reich der unbegrenzten Möglichkeiten“ den Tod überhaupt „ausblendet“.

8. – Wir stoßen hier auf den Konflikt zwischen der imaginären („eingebildeten“) und der „realen“ oderwirklichenWelt: „Realität“ bedeutet Gegenständlichkeit, Materialität und der deutsche Begriff „Wirklichkeit“ verweist auf die Auswirkungen, Konsequenzen unserer Handlungen, die nicht rückgängig gemacht werden können, uns also mit einem irreversiblen Verlauf der Zeit konfrontieren, welcher im Phänomen der Sterblichkeit, des Todes kulminiert. Auch handelt es sich in der „realen“ Welt um Widerstände, Hindernisse gegen die wir ankämpfen und die zwar im Traum ebenfalls erscheinen, aber dort keine unmittelbaren Auswirkungen auf das wache Leben haben: Man denke nur an die Erleichterung nach einer heiklen Traumsituation oder an die Enttäuschung, wenn sich geträumtes Glück beim Öffnen der Augen in Nichts auflöst. – Nun ist der Traumschlaf eine „Naturnotwendigkeit“, die nur bei so genannten Endothemen („Homoiothermen“) oder „Warmblütern“, die ihre zentrale Körpertemperatur konstant erhalten, d.h. bei Säugetieren und Vögeln nachgewiesen ist. Da aber auch die Kapazität des „Sich-Bewusst-Seins“ erst bei hochkomplexen Lebensformenund, wie wir annehmen dürfen, nicht nur bei uns Menschen – auftritt, liegt die Vermutung nahe, dass beide Phänomene – Traum und Bewusstsein – zusammenhängen. Wichtig ist es, in diesem Zusammenhang zu betonen, dass beide Phänomene auch eine kompensatorische Funktion haben, die der bei zunehmender Komplexität auftretenden Fragilität der Organismen entgegenwirkt.

9. Wenn sie auch durch unterirdische Gänge führen mag, sollte die Verbindung von Traum und „Realitätsbewusstsein“ nicht unterschätzt werden, indem eine scharfe Trennungslinie zwischen beiden „Welten“ gezogen wird: Die eine nimmt Elemente der Träume aus der Erfahrung der anderen, die ihrerseits einen guten Teil der künstlerischen und technischen Kreationen und Erfindungen den „Gesichtern“ der Traumwelt schuldet. Aber dies ist nur eine von mehreren Beziehungen dieser beiden, üblicherweise als antinomisch vorgestellten Bereiche des Bewusstseins. Hinzu kommen die Zwischenstadien wie das „entspannte“ Wachen (die „schwebende Aufmerksamkeit“) oder der „Halbschlaf“ (das „Dösen“) , in denen ohne Zweifel ein reger Austausch zwischen beiden Sphären herrscht. – Im Gegenzug muss betont werden, dass es naturgemäß nicht zu Verwechslungen beider Welten kommen darf, was zum Beispiel das schnelle Vergessen der Träume beim Erwachen erklären könnte. Auch dürfte die Aufhebung des Muskeltonus im „paradoxen Schlaf“ (16) also die Unmöglichkeit die dort halluzinierten Bewegungen auch „wirklich“ auszuführen für die natürliche Notwendigkeit einer Trennung beider Bereiche sprechen. – Es wären hier anthropologische Recherchen gefragt, um das Träumen unter natürlichen Bedingungen zu studieren: Die Grotte von Lascaux (siehe Anm. 12) könnte als ein früher Beleg solcherlei Visionen gelten und uns einiges über die Träume unserer Vorfahren erzählen, wie auch noch die Oneirokritika des Artemidoros (17). – Bemerkenswert ist die in der Alten Welt gängige Auffassung der Träume als „Orakel“ und „Vorhersehung“, die zwar aus rationalistischer Sicht nicht haltbar ist, aber in der Antizipation und Vorbereitung auf das „Mögliche“ oder vermeintlich „Zukünftige“ eine wesentliche Funktion unserer Träume gesehen hat: In der Tat kann die Traumwelt als ein Experimentierfeld betrachtet werden, in dem das Bewusstsein die Möglichkeiten einer im wachen Zustand meist als absurd empfundenen Situation sondiert und so seine Anpassungsfähigkeit an veränderliche Bedingungen auf die Probe stellt.

10. Unsere Überlegungen gingen von einem „Todesbewusstsein“ aus, das paradoxerweise zumeist unbewusst oder „verdrängt“ zu sein scheint. In der Tat muss die Vorstellung der eigenen Sterblichkeit das Reich der unbegrenzten Möglichkeiten und der Allgemeinheit verlassen, um sich dem ganz anderen Horizont der Vergänglichkeit und Singularität der Existenz zuzuwenden. Vielleicht fiel diese Vorstellung den Alten, die sich im Gegensatz zu ihren Gottheiten als „Sterbliche“ verstanden, leichter als den auf vermeintliche Unsterblichkeit besessenen Zeitgenossen, die einerseits weiterhin an ein von den später monotheistischen Religionen propagiertes „Leben nach dem Tod“ glauben, andererseits im Rahmen modernster wissenschaftlicher Forschung und Spitzentechnologie, kraft derer immer neue Möglichkeiten des „Über-Lebens“ geschaffen oder vorgegaukelt werden, einem schier unendlichen Fortschrittsgedanken verfallen, der über das eigene Altern und Sterben hinwegtäuscht. – In diesem Zusammenhang liegt die Annahme auf der Hand, das die Vorstellungen der Unsterblichkeit und des Absoluten oder auch des neuzeitlichen „transzendentalen Subjekts“ (cf. Anm. 10) und technologischen „Progresses in infinitum auf dem unerträglichen Wissen um den eigenen Tod beruht und dieses in einem spezifisch menschlichen, kulturell oder zivilisatorisch untermauerten „Kollektivbewusstsein“ und vermeintlich „allgemeinen Selbstverständnis“ sublimiert wird. Nun sind aber die Konsequenzen dieser Auffassung höchst nachteilig, wenn man die Ausbeutung und Zerstörung der Natur oder die kriegerischen Aggressionen betrachtet, die mit dem „Zivilisationsprozess“ als dessen „barbarischerUntergrund (18) einhergehen.

11. – Es wurde eine „Spannung“ zwischen individuellem und kollektivem Bewusstsein festgestellt; ersteres wurde mit dem „Selbst“, letzteres mit dem „Arterhaltungstrieb“ in Verbindung gebracht. Bei uns Menschen ist diese konfliktreiche Beziehung komplizierter und verworrener als bei in Gemeinschaften („Herden“, „Stämmen“ , „Clans“) lebenden Tieren. Nun war es für die Denker der Europäischen Moderne eine Selbstverständlichkeit, Bewusstsein als menschliche Exklusivität zu betrachten, obwohl der Prozess der Evolution zahlreiche – uns teils unbekannte – Stadien durchlaufen haben muss, um das Bewusstsein des sich selbst so bezeichnenden „Homo Sapiens hervorzubringen. Auch ist die Vorstellung nicht abwegig, dass die Evolution des Gehirns ihr „Endstadium“ noch nicht erreicht hat, also zukünftige Mutationen –  im Menschen oder bei anderen Lebewesen – möglich sind, welche die heutige, anthropozentrisch gefärbte Bewusstseinsproblematik in ganz andere Bahnen lenken würden. – Es ist hier ein irreversibler Prozess der Natur am Werke, der allerdings auch „Stagnationenaufweist: Arten, die über Jahrmillionen nicht evolvieren, sind das Gegenbeispiel zur rasanten Entwicklung des Gehirns von den ersten Hominiden bis hin zu uns Menschen im Zeitalter des Internets und der „Globalisierung“. An dieser Stelle ist nun zu bemerken, dass der menschliche Selbst– bzw. Arterhaltungstrieb längst in sein Gegenteil umgeschlagen ist: Unsere Zerstörungswut hat planetarische Ausmaße angenommen, und vielleicht kommt die Einsicht schon zu spät, dass die Zerstörung der lebendigen Natur auch unser eigenes Ende heraufbeschwört. In der Konsequenz des hier vorgetragenen Gedankenganges besteht kein Zweifel, dass der menschliche Unsterblichkeitswahn – als Effekt seines verdrängten Todesbewusstseins die Triebfeder dieses überall beobachtbaren destruktiven Prozesses darstellt.

12. – Die Frage stellt sich, ob der angezeigte Prozess rückgängig zu machen ist: Wenn er auf einer irreversiblen Zeitlinie verläuft, so ist das realiter unmöglich und insofern wird jedenfalls auf „menschlich allzumenschlicher“ Ebene die berühmte Debatte um den „freien Willen“ hinfällig, da wir anscheinend trotz der verheerenden Konsequenzen des Cartesianischen Programms, die Natur zu unterwerfen, sie zu „beherrschen“ und zu „besitzen“ (« nous rendre comme maîtres et possesseurs de la nature » – Descartes, 1637) nicht in der Lage sind, unsere planetarischen Aktivitäten so zu reduzieren, dass die nicht-menschliche Natur wieder Zeit und Raum zu ihrer Regeneration und Entfaltung bekommt, also die anthropozentrische Haltung als selbsternannte „Krönung der Schöpfung“ und ipso facto unser damit zusammenhängendes im Endeffekt destruktives Programm aufzugeben, obwohl wir nunmehr wissen, dass wir uns am Ende auch selbst zerstören wird. In Anlehnung an die Zeittheorie von Wolfgang Kaempfer (19) haben wir an anderer Stelle im modernen Produktions-, Leistungs- und Konsumprozess eine zwangsläufige Konvertierung der irreversiblen, begrenzten Lebenszeit in reproduzierbare, scheinbar unbegrenzt verfügbare „Arbeits“- undFreizeit“ festgestellt. In dieser kurzen Skizze kann auf die dort erörterte Problematik (20) nicht näher eingegangen werden; es sei hier nur gesagt, dass die von natürlichen Zeitgebern (Synchronisatoren) weitgehend unabhängige menschliche Zeit im Zirkulationsprozesss der Waren, Leistungen und Zahlungsmittel einen „Bruch des Zeitgetriebes“ (Wolfgang Kaempfer 1991) erkennen lässt, welches im Normalfall die beiden Zeitvektoren – Irreversilität (wie z.B. die Unwiederbringlichkeit erlebter Momente, einmaliger Erfahrungen) und Rekursivität (die zyklische Wiederkehr der Bedürfnisse wie notwendigerweise auch der Befriedigungsobjekte) – zu synchronisieren scheint. Man muss des weiteren zwischen natürlichen und künstlichen Zeitgebern unterscheiden: Die einen garantieren das Zusammenspiel der in natürlichen Systemen existierenden Lebewesen, die anderen regeln die modernen Produktions-, Leistungs- und Konsumprozesse der menschlichen „Gesellschaft“ planetarischen Ausmaßes. Wenn sich letztere von natürlichen Zeitgebern abkoppelt (verselbständigt), obwohl Menschen als Lebewesen auch zur Natur gehören, entstehen – wie wir behaupten können: höchst nachteilige – Desynchronisationsphänomene.

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Anmerkungen

(1) Dem von Freud (1920) in Jenseits des Lustprinzips (Gesammelte Werke Bd. XIII, London 1940) postulierten „Todestrieb“ stellt Klaus Heinrich das Phänomen des „Sogs“ gegenüber (Versuch über die Schwierigkeit nein zu sagen, Berlin 1964).

(2) Descartes, Le discours de la méthode, Leiden 1637 (anonym), sowie Méditations Métaphysiques, Paris 1641, IV: “détacher mon esprit des sens“.

(3) Symptomatisch beschreibt der ab der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in Mode gekommene Neologismus „Psychosomatik“ den zeitgenössischen Versuch psykhè und soma (erneut) zusammenzudenken.

(4) Das Postulat des „Unbewussten“ durchzieht das gesamte Werk von Sigmund Freud (1856-1939). Seine erste große Veröffentlichung dazu ist Die Traumdeutung aus dem Jahr 1900 (heute in GW Bd. II/III); siehe auch die 1915 entstandene Zusammenfassung Das Unbewusste (in GW Bd. X)

(5) „Bewusstsein als intentionales Erlebnis“: Edmund Husserl, Logische Untersuchungen (V), Halle 1900. – Heute zum Beispiel das „brain-mind problemim materialistisch-wissenschaftlichen (hauptsächlich angelsächsischen) Denken und die „global workspace theory“ von B. Baars, zuerst in A Cognitive Theory of Consciousness (Cambridge University Press 1988) oder auch das multiple drafts model of consciousnessvon Daniel C. Dennett (in Consciousness explained, New York 1991).

(6) Der französische Begriff „conscience“ kennt diesen Unterschied nicht. Früher pflegte man ihn durch die Adjektivepsychologiquebzw.moralezu bestimmen. Heutzutage gebraucht man eher „conscient“ oder „être conscient“ für Bewusstsein, wie auch „conscious“ und „consciousness“ im Englischen; dementsprechend bedeutet consciencein beiden Sprachen „Gewissen“. – In unserem Zusammenhang sind auch die verschiedenen Bedeutungen des lateinischen conscientia interessant, darunter das (mit anderen) geteilte Wissen.

(7) Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), Meiner Philosophische Bibliothek, 2016, Bd. 519, S. 45; siehe auch online die Ausgabe vom Berliner J.-Heimann-Verlag (1870), S. 44

(8) Freud, Die Verdrängung (1915 – in GW Bd. X)

(9) Es sei hier auf den Doppelsinn der Hegelschen Begriffsschöpfung „Aufhebung“ hingewiesen, die mit der Freudschen „Verdrängung“ zu vergleichen ist. Ein anderer wichtiger Terminus in diesem Zusammenhang wäre die „Sublimierung“.

(10) Es ist dies das „transzendentale“ oder „absolute“ Bewusstsein, das von Descartes (1637) über Kant (1781) und Hegel (1807) bis hin zu Husserl (1913) von der Europäischen Philosophie als zentraler Bezugspunkt allen menschlichen Erkennens gesetzt wurde und in unserer Weltanschauung oder Realitätsauffassung den Charakter einer permanenten Struktur trägt, die im Widerspruch zur überall beobachtbaren Vergänglichkeit steht.

(11) Interessant sind hier die Riten der Mumifizierung im Alten Ägypten (ab etwa 2700 vor unserer Zeitrechnung), – Das babylonische Gilgamesh-Epos (aus der 2. Hälfte des 2. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, schwer datierbar, frühere Fassungen ab 1800 v. Chr.) ist in der Neuübersetzung von Arthur Ungnad (Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1911) als PDF-Datei verfügbar

(12) Das berühmteste Beispiel ist die Grotte von Lascaux in der französischen Dordogne, die unter folgendem Link virtuell besichtigt werden kann: http://archeologie.culture.fr/lascaux/de  –  Die Höhlenmalereien sollen zwischen 20.000 und 17.000 Jahre alt sein („Solutréen“ / „Magdalénien“) .

(13) Es sind dies neurophysiologische Merkmale einer in den 1950er Jahren entdeckten und seither als REM (Rapid Eye Movement) Sleep bekannten Schlafphase (Aserinsky/Kleitman 1953, Dement/Kleitman 1957), die von Michel Jouvet (1959) „paradoxer Schlaf“ (sommeil paradoxal) genannt wurde, da die elektroenzephalografisch feststellbare Aktivität des Gehirns in dieser Phase der des wachen Zustands ähnelt, der Schlafende jedoch schwerer zu wecken ist als in den anderen „Schlafstadien“ („sleep stages“ bei Rechtschaffen/Kales 1968 – I/II: Leicht- und III/IV: Tiefschlaf). Es wird angenommen, dass wir im paradoxen Schlaf, der etwa 20 bis 25% eines ultradianen Schlafzyklus‘ ausmacht, im eigentlichen Sinne „träumen“. Neben der hohen Wahrnehmungsschwelle für äußere – und bestimmte innere – Reize ist auch die Aufhebung des posturalen Muskeltonus im paradoxen Schlaf zu erwähnen.

(14) Nur im so genannten Klartraum (lucid dream, Van Eeden 1913, LaBerge 1990) weiß der Träumer, dass er träumt, und kann unter bestimmten Bedingungen die Gestaltung seines Traumes beeinflussen (Hervey de Saint-Denys, Les Rêves et les moyens de les diriger, Paris 1867)

(15) Es sei in diesem Zusammenhang erwähnt, dass die Einbildungskraft (imaginatio) im Schematismuskapitel der Kantschen Kritik der reinen Vernunft (A 1781 / B 1787) eine vermittelnde Rolle zwischen Anschauung (intuitus) und Verstand (intellectus) spielt. Die Einbildungskraft wird dort als „blinde, unbewusste und verborgene Funktion in den Tiefen der menschlichen Seele“ vorgestellt (vgl. A 78/141). Und (B 103): „Die Synthesis überhaupt ist (…) die bloße Wirkung der Einbildungskraft, einer blinden, obgleich unentbehrlichen Funktion der Seele, ohne die wir überall gar keine Erkenntnis haben würden, der wir uns aber selten nur einmal bewußt sind.“

(16) Siehe hierzu die Befunde von Michel Jouvet in: Le sommeil et le rêve, Paris, Odile Jacob, 1992, IV. Le comportement onirique (p.79), insb. der Begriff der atonie posturale

(17) Artemidor von Daldis verfasste in der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts u. Z. eine auch von Freud (1900) gewürdigte Schrift über die Traumdeutung (Oneirokritika), in der zahlreiche Träume seiner Zeitgenossen angeführt werden.

(18) Zu diesem Problem ein Zitat aus dem letzten Essay von Dietmar Kamper (1936-2001) Assoziationen. Sieben abgewehrte Sätze über Kunst, Terror und Zivilisation

Alle Kultur hat blutige Füße“ (Heiner Müller). In der Zeit des Vergessens wurden die von der Kultur verursachten Massaker einer Anfangsbarbarei zugeschrieben, die es nie gegeben hat. Das Barbarische ist eine Abspaltung der Moderne und gehört in die apokalyptischen Endzeiten. Ernsthafte genealogische Versuche konnten hingegen beweisen, daß keine große „Kulturleistung“ ohne Gewalt ausgekommen ist.

(19) Wolfgang Kaempfer, Die Zeit und die Uhren, F.a.M., Insel Verlag 1991. Ders., Zeit des Menschen, ibid. 1994. – Siehe auch > Wolfgang-Kaempfer-Blog

(20) In diesem Blog, siehe Stefan Kaempfer > Nachtrag zu Wolfgang Kaempfers Zeittheorie

 

 

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