Zeit oder Geld

Wo es nur möglich ist, wird unsere Zeit mit Beschlag belegt. Vom „Arbeitgeber“ ohnehin. Schließlich brauchen wir das Geld zum Leben. In einer Welt, in der ohne Geld nichts mehr geht.
Aber was ist mit der Zeit, die dann noch bleibt: die „freie“ Zeit? – Man hat es verstanden, die Freizeit der Menschen zu vermarkten. Da sind zum einen die digitalen Spiele, die Kinder wie Erwachsene an sich fesseln und nicht mehr loslassen. – Dann die „sozialen Netzwerke“, die den Nutzer immer mehr desozialisieren, indem sie die Mitmenschen ihrer Körperlichkeit berauben, in Phantombilder verwandeln. Wie viel Zeit wird in die Abwesenheit, in die moderne Einsamkeit investiert? Und wie viel Geld in die Kommunikationsmaschinen, die dem „abgesonderten“ Menschenwesen wenigstens die Illusion einer Zusammengehörigkeit vermitteln sollen? – Nicht zuletzt sind da die mit Werbung überladenen Unterhaltungsprogramme: Endlosserien, Ratespiele, Talkshows, Realitysoaps, Promiklatsch, Kitschmusik. Da capo al fine.

 

Verschwiegen wird dabei ein anderer Verlauf der Zeit. Wird unsere Arbeits- und Freizeit als wiederkehrende, reproduzierbare, „endlose“ Zeit dargestellt, so wird zugleich die unwiederbringliche, begrenzte Lebenszeit unterschlagen, die mit der Geburt beginnt, sich über Kindheit, Jugend, Erwachsen- und Altwerden erstreckt, um unweigerlich mit dem Tod zu enden.

 

Damit unsere Zeit so vollständig kontrolliert werden kann, wie es das kybernetische Gesellschaftsmodell anzustreben scheint, müssen wir im Glauben belassen werden, dass wir immer noch „Zeit haben“, dass unsere Lebenszeit, unsere Gefühle und Erlebnisse ebenso reproduzierbar sind wie die von der Freizeitindustrie angebotenen „Inhalte“, deren zeitlicher Verlauf dem der Arbeitswelt und ihren immer wieder neu zu erbringenden „Leistungen“ entspricht. Die scheinbare Ausweglosigkeit dieser Situation birgt allerdings einen Hoffnungsschimmer: Irgendwann, so meine ich, werden die Menschen sich auf das abwesende, wahre Leben besinnen. Spätestens wenn eine ganze Generation ihre Lebenszeit vor Bildschirmen, mit Kommunikationsmaschinen, in sozialen Netzwerken verbracht hat. Vielleicht wird ihnen oder zumindest ihren Kindern dann klar, dass die eigene, einmalige Zeit unbezahlbar und daher weder käuflich noch zu verkaufen ist.

 

 

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