Maschinenmensch (2007)

Man befürchtete es schon seit geraumer Zeit. Aber es verspricht doch etwas anders zu werden, als es Orwell oder Huxley schildern. Jedenfalls drohen die Maschinen nun das menschliche Verhalten maßgebend und dauerhaft zu beeinflussen oder zu verändern. Ein Beispiel, um das zu veranschaulichen: Jeder Übersetzer ist davon überzeugt, dass keine Maschine ihn je ersetzen könne. Das stimmt nicht ganz. Natürlich wird nie eine Maschine Shakespeare, Baudelaire oder Kleist in eine andere Sprache übersetzen, ohne stellenweise ein Kauderwelsch von unsäglicher Komik zu erzeugen. Aber nehmen wir einmal an, dass ein Text produziert werden soll, der im vornherein dafür bestimmt ist, von einer Maschine in eine beliebige andere Sprache übersetzt zu werden. Während der Redaktion wird der Verfasser mit einer Maschine in Verbindung stehen, die bei jeder Unklarheit oder Schwierigkeit interveniert. Man nehme zum Beispiel das deutsche Wort „aufheben“, das die Maschine übersetzen soll. Angenommen, sie habe folgende Äquivalente gespeichert: auflesen, aufbewahren, beseitigen, abschaffen. Die Maschine wird also fragen: „Meinen Sie auflesen, aufbewahren, beseitigen, oder abschaffen“? Der Verfasser wird wählen und durch diese Wahl jede Doppelsinnigkeit in seinem Text ausmerzen müssen. So gewinnt die Maschine Einfluss auf die Textgestaltung und rückwirkend auf das weitere Verhalten des Verfassers. Wichtig ist in diesem Fall der Imperativ der Kommunizierbarkeit im Rahmen einer globalisierten Welt, die so etwas wie Übersetzungsmaschinen wünschenswert erscheinen lässt. Bei Bildern, die keiner Übersetzung bedürfen, um allen (außer vielleicht Blinden) zugänglich zu sein, gibt es andere Auflagen, die Einfluss auf die visuelle Produktion und das Verhalten der Autoren haben. Schon eine herkömmliche Kamera beeinflusst die Bildproduktion und beeinträchtigt zunehmend das Verhalten der Akteure. Hinzu kommt nun die Absicht der Bilder, d.h. die dadurch erhoffte weltweite Kommunikation und der Einfluss, der auf das Verhalten der Empfänger ausgeübt werden soll. Auch haben Bilder, die Waren oder Leistungen darstellen, durchaus den Anspruch, das Verhalten der Rezipienten zu beeinflussen oder zu verändern. Und dafür stehen den Autoren alle möglichen technischen Raffinessen zur Verfügung, die es ihnen ermöglichen, ihre Bilder zu gestalten und beispielsweise neue Bedürfnisse virtuell in Szene zu setzen, um das Verhalten so genannter Verbraucher zu beeinflussen. Nun hat aber auch hier die Maschine bestimmte Auflagen, die von den Autoren berücksichtigt werden müssen und rückwirkend ihre Arbeitsweise bestimmen. Das ist jedoch nur die eine Seite des Problems. Wenn Text- und Bildproduktion dazu bestimmt sind, das weltweite Kommunikationsnetz zu integrieren, ist die Vermittlung der Maschine unumgänglich, wobei Sender wie Empfänger den Auflagen des weltweiten Netzwerkes (WWW) folgen müssen. Dabei ist zu beachten, dass dieses Netzwerk schon eine gewisse Autonomie erreicht hat. Folglich kann man sagen, dass die westlich-moderne Menschheit sich schon teilweise in den Klauen der Kommunikations-Maschinen befindet.

Nehmen wir, um diese Problematik weiter zu veranschaulichen, zwei andere, äußerlich sehr verschiedene Maschinen : Auto und „Handy“. In den fünfziger, sechziger Jahren wurden uns Autos als Symbole der (Bewegungs-) Freiheit angepriesen und verkauft. Seither ist der PKW ein „Muss“, wenn man auf dem Land oder in der uferlosen Vorstadt einer Metropole lebt, da die öffentlichen Verkehrsmittel verwahrlost oder ganz einfach stillgelegt worden sind. Aus der „Freiheit“ ist also ein Zwang geworden. Ebenso ergeht es uns momentan mit den „Handys“ (cell-phones) : Freiheit in aller Munde, man kann jetzt überall telefonieren, die Kinder müssen ein Handy haben, um die Eltern im Notfall anrufen zu können. Aber man frage sich am heutigen Tag (1.11.2007) : Was wäre, wenn ich kein Handy hätte? Was würden meine Arbeitgeber, Kunden, Kinder, Familie davon halten? Fazit : Ich muss ein solches Telefon besitzen und mehr oder weniger pausenlos mit mir herumtragen, ein bisschen wie ein humaner Roboter, um z.B. bei einem Gespräch mit einem „real anwesenden“ Freund dreimal in die virtuellen Welt der Planung und „Programmation“ „zurückgerufen“ zu  werden. – Einfach ausmachen und zu Fuß gehen ?

Schlimmer als dieses vor allem kommerzielle Vorgehen unserer Welt der Waren, der „eingebildeten Bedürfnisse“ und des Geldes ist der – von der Hollywood’schen Kinoproduktion schon öfter inszenierte – Wille eine bio-technologische „Interface“ zu entwickeln, die das menschliche Gehirn mit Maschinen verbinden könnte, und zwar in einer so genannten „Direktschaltung“ : der schon seit geraumer Zeit (von La Mettrie) geprägte Begriff des „Maschinenmenschen“ würde hier einen vielleicht unerwarteten Inhalt finden. Natürlich würde diese Art „Verschaltung“ anfänglich ebenfalls als „Neue Freiheit“ inszeniert und Klientel aus aller Welt anziehen. Man stelle sich vor : Ich könnte meine Kaffeemachine, mein Auto, mein Handy, meinen Rasenmäher bedienen, ohne einen Finger krumm zu machen, und rückwirkend würden sich alle Maschinen direkt in meinem Gehirn melden, wenn etwas nicht stimmte. Die Nebenwirkungen bzw. Rückkopplungseffekte solcher Gehirn-Maschine-Direktschaltungen sind schwer absehbar, auch wenn es genug Drebuchautoren oder Wissenschaftler gibt, die sich damit beschäftigen. Jedenfalls wird man, wenn dieses Stadium einmal erreicht sein sollte, eine Geschichte von Menschen und Maschinen schreiben müssen, die vielleicht in der Europäischen Renaissance (z. B. mit den Maschinen des Leonardo) einen ersten Höhepunkt erreichen würde, im Neunzehnten Jahrhundert einen zweiten mit der „Industriellen Revolution“ usw. bis hin zur „totalen Verschmelzung“. Dann käme die Frage auf, inwiefern wir Menschen unsere Geschichte beeinflussen können (oder konnten). Schon das weltweite Phänomen des Kapitalismus scheint zu zeigen, dass dies nicht möglich ist, obwohl die große Mehrheit unter dieser „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ leidet. Man fragt sich hier, was überhaupt an diesem Phänomen noch als „menschlich“ zu bezeichnen ist, wenn es so aussieht, als hätte eine höhere, anscheinend „böse“ Macht ihre Hand im Spiel. Ähnlich würde man bei der „Gehirn-Maschine-Benutzeroberfläche“ reagieren, wenn aus einer anfänglichen, natürlich illusorischen „Freiheit“ ein Zwang geworden wäre. – Nicht registriert als Maschinenmensch ? Keinen Zutritt zur menschlichen Gesellschaft!

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