Der Tag nach der Wahl (2002)

Heute steht Le Pen auf der vorderen Szene, einäugig im Rampenlicht, redet siebzehnprozentig auf diejenigen Wähler ein, die er für die zweite Runde umstimmen kann, ohne seine eingestammte Sippe zu vergraulen. Wir Deutschen hier in Paris sind dabei nicht ganz unschuldig. Auch wir sehen die Szene durch ein Glasauge, jenes des Trommlers, das wie eine Linse in die Gehirne unserer Vorfahren gebrannt wurde: seltsame Bahnungen…

Es ist, als ob die Situation der Weimarer Republik hier noch einmal als Boulevard-Komödie aufgeführt würde.

Jacques Chirac hatte das souveräne Gesicht eines Taschenspielers, als er, irgendwelcher Gaunerei bezichtigt, „abracadabradantesque…!“ sagte. Diese Formel hatte er sich aus dem Ärmel geschüttelt, wie ein vergammeltes As, vor einer adretten französischen Fernsehdame. Das ist noch nicht lange her. Nun steht er am Pult und gebietet als einsamer Sieger der laufenden Präsidentschaftswahlen über Verfall und Abfall der Französischen Republik. Auf der schattigen Seite des Ringes sitzt der Mann des „tail“, im trüben Licht einer Schlachthof-Folterszene, und lacht dazu wie ein dreckiger Köter, der einem im Mondschein begegnen kann. Er ist ein altväterlicher Kläffer, der die Interpunktion von an Geschlecht und Zunge befestigten Elektroden zu schätzen weiß, wenn er seine Fragen stellt und die Arme mit geballten Fäusten schräg gen Himmel streckt.

Ich sagte, wir seien nicht ganz unschuldig hier, denn wir sind ja die demokratischen Schiedsrichter in der politischen Arena des globalisierten Machtspiels. Nicht nur wir Pariser Deutschen, denn wir haben bis jetzt kein Wahlrecht in Frankreich. Außerdem hatten es ja schon einmal: Deshalb mögen wir heute nur noch Fußball, Bier und Autos. Und deshalb sind wir nicht ganz unschuldig hier.

Nun wird uns also noch einmal – wie schon nach dem Elften September in New York – vorgegaukelt, dass lediglich zwei Diskurse möglich sind, aber dazu gibt es heute nur noch eine Idee, so wie die Idee von Bayern München oder von Bayer Leverkusen. Es ist dieselbe Schnapsidee, die die Redner zu immer neuen Besoffenheiten anregt. Der einäugige Bulle labert von Dingen, deren Realität er in seinem ganzen Leben immer nur geträumt hat, während der Taschenspieler grandguignolesk mit Prospekten einer Mundialisierung nach dem Modell der Humanitäter um sich wirft, wobei er kein Wort mehr sagt, als das was man in einer mondänen „Konvers(at)ions“-Hysterie von sich geben würde: ausgesprochenes Delirium ohne direkten Bezug zur Wirklichkeit.

Beide Politiker sind schizophren, weil sie auf die Allmacht der Wörter Vertrauen. Nur ist es so, das man doch immer etwas aussagt, gerade wenn man nichts mehr sagt: so wie das Schweigen der nahezu dreißig Prozent Wähler, die am Sonntag der ersten Runde irgendwelchen ungefangenen Fischen huldigten. Oder das revolutionäre Gestammel einer Anti-Globalisierung, die nichts mehr zu bieten hat als dieses Gestammel selbst. Denn was wäre wirkliche Anti-Globalisierung? Doch nichts weniger als: dass der Mensch endlich seinen primitiven Narzissmus überwinde und der Natur eine Chance gäbe, sich zu regenerieren. Wohl ist das auch wieder nur Wunschdenken oder leeres Wort. Jedoch hat die sogenannte Natur ein paar Trümpfe im Jackett, deren Durchschlagskraft heute noch nicht bekannt oder höchstens alptraumhaft vorstellbar ist. Und Natur spielt kaum je so falsch wie ihre menschlichen Kreaturen, deren Intelligenz irrtümlich von ihnen selbst als die höchste der ganzen Erde eingeschätzt wird…

Aber zurück zum Boulevard, wo der zahlende Zuschauer von einem Lachkrampf in den anderen überführt wird. Man lacht ja bekanntlich immer über seine eigene Ohnmacht. In diesem Falle dürfte darüber gelacht werden, dass für so ein Spektakel überhaupt noch Eintritt verlangt wird. Aber so ist es leider. Man nenne es Steuer oder Stütze, Gebühren oder Strafe, Versicherung oder Tod, nach dem bekannten Axiom des „schlanken Staats“: der berühmte Kohl wird davon immer noch fett und fetter. Und für dieses Fett müssen wir in der Tat bezahlen, auch wenn wir glauben, dass wir dabei etwas rauskriegen. Zum Eintritt geben wir immer noch die Zeit drauf, die wir damit vergeuden, uns im Dritten Jahrtausend noch Kasperletheater anzusehen, so wie wir vom Konsum immer auch noch die Zeit abgeschnitten bekommen, die wir mit den Maschinen oder in entfremdeten Märkten verbringen…

Das Tribut ist die Einsamkeit. Eine Conclusio : Omas Kaffee und Opas Politik brachten uns durch den Krieg. Heute sitzen unsere Väter und Mütter friedlich an Computern, während unsere Söhne und Töchter noch einmal versuchen werden, die Welt auf den Kopf zu stellen, bis ihnen spätestens zu spät auffällt, dass auch sie nur sterbliche Wesen sind. Und eins noch, im Zusammenhang: Ich weiß nicht, wie lange wir Menschen noch an unserer mindestens zehntausendjährigen virtuellen Welt Freude haben werden. Das Kasperletheater scheint technische Ausmaße anzunehmen, die alle Blicke scheinbar ewig auf die Höhlen-Bildschirme bannt, als hätte das noch etwas zu tun mit dem Duft einer Blüte, dem Tanz eines Sonnenstrahls oder dem Zwitschern einer Lerche – Sensationen die auf dieser schrecklich schönen Welt auch in zehntausend Jahren noch jeden Tag neu erscheinen werden – mit oder ohne uns.

Paris, am Montag, den 22. April 2002

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